Cilliní auf Achill Island

Die Geschichte Achill Islands ebenso wie die Topographie der Halbinsel hält ein sozialgeschichtlich wie kulturhistorisch gleichermaßen bedeutsames Zeugnis bereit: die Friedhöfe der ungetauft verstorbenen Kinder, die sogenannten >Cillinís<. Sie finden sich an mehreren, zumeist bereits in der Vergangenheit als Gedenkorte dienenden Plätzen der Insel –sichtbar in ihrer steinernen Spur, und doch für den, der nicht weiß, worauf diese wie lose gestreut sich darbietenden Zeichen aus Stein verweisen, dem Erkennen entzogen. Im Sichtbaren gegebene Spuren auf etwas Abwesendes, das in ihnen dennoch präsent, anwesend ist; ein Zugleich von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, in dem Geschichte und Landschaft der Insel miteinander verwoben sind.
Erkennbar und doch nicht erkannt waren die Kinderfriedhöfe zunächst auch für mich, als ich 1955 zum ersten Mal nach Achill kam und dort - wie in vielen Jahren darauf - den Sommer verbrachte. Nachdem ich jedoch um die Existenz dieser Friedhöfe wußte – und dies geschah bald, wobei mir als Kind in den 1950er Jahren zunächst der kleine Friedhof auf den Klippen in Dookinella bekannt wurde -, übten sie eine nahezu magische Anziehung aus, eine Faszination, die bis heute noch nicht, Jahrzehnte später also, in ihrer Ausstrahlungskraft gemindert ist.
Den Cillinís von Achill Island als der Topographie und Geschichte der Insel untilgbar eingeprägte Signaturen möchte ich mich nun noch bereits vielen Jahren der Beschäftigung im Rahmen eines Projekts konkret und direkt zuwenden – in einem Projekt, das sich diesen als kulturgeschichtlichem Zeugnis in zwei wesentlichen Aspekten widmet: dokumentarisch und künstlerisch.
Mit Unterstützung der Einwohner Achill Islands sollen die inzwischen 20 bekannten Kinderfriedhöfe zunächst dokumentiert und damit historisch gesichert werden. In einem weiteren Schritt möchte ich eine künstlerische Auseinandersetzung aufnehmen, deren Akzent insbesondere auf der Vermittlung und Deutung der Doppelsignatur der Cillinís als Ort und Spur des kulturellen Gedächtnisses liegen soll.
Es ist darüber hinaus geplant, beide Aspekte in einer Publikation zusammen zu führen. Im Rahmen dieser Publikation soll die Kombination von Dokumentation und bildender Kunst darüber hinaus ergänzt werden durch Texte in der Tradition des Haiku, die die visuelle Annäherung in der Dimension der Sprache übersetzen und weiterführen.
Ich werde in situ mit dem Silberstift zeichnen, skizzieren, fotografieren und in meinem Atelier Arbeiten in Öl und mit chinesischer Tusche anfertigen.
Die Ausstellung wird am 1. Oktober 2014 im LVR-LandesMuseum in Bonn eröffnet.

© René Böll, 2009 , 2013