Warum, so fragt sich mancher zufällig vorbeisurfende Leser vielleicht, sollte man eigentlich nach Dublin fahren? Lassen Sie mich einmal die "klassischen" Gründe durchgehen ...

Musik - Ja, viele Menschen kommen wegen der Musik in die irische Hauptstadt. So der Mainstream-Folk-Fan, für den das absolut Gelbe vom Ei ist, Guinness-beseelt (oder -besudelt) mit einem letzten "air-fa-la-la-lo" im O'Donoghues vom Hocker zu fallen. Oder die Altrocker, die am Rory Gallagher Square den Klängen von Thin Lizzy lauschen möchten. Oder die Gefolgschaft Bonos, die zwischen Windmühle und Hotel pilgert, murmelnd "still haven't found what I’m looking for". Oder die weniger murmelnden denn kreischenden AnhängerInnen von Gruppen wie Boyzone, Bellefire und Westlife ... alle gemeinsam mit unversöhnlichem, ernsten Blick beobachtet von den Anhängern St. Sineads! Ja, Dublin hat etwas für alle diese Menschen - und auch für jene, die einmal Händels "Messias" am Uraufführungsort erleben wollen.

Sport - Stimmt, auch der Sport zieht viele Besucher an, kann man doch die "Boys in Green" nirgendswo so echt erleben wie beim Heimspiel (... was allerdings auch für den Itzehoer SV gilt). Gälischtümelnde Sportfans lässt Robbie Keane allerdings kalt, pilgern sie doch eher in den Croke Park zu den Spielen der GAA, oder auch gelegentlich zum Rugby in die Lansdown Road. Freunde der etwas skurrileren Sportarten treibt es zum Liffey Swim oder, etwas ausserhalb allerdings, zum "bog snorkelling". Andere Menschen interessiert das alles nicht, sie golfen sich lieber die Seele aus dem Leib und finden es gar nicht merkwürdig, wenn Kreti und Pleti denselben Platz nutzen. Und letztlich gibt es noch die absoluten Fans, für die der jährliche Dublin-Marathon das höchste der Gefühle ist. OK - Dublin schafft also auch den Sporttest!

Geschichte - Der grösste Wikingerfriedhof ausserhalb Skandinaviens? Moorleichen und keltische Artifakte? Illuminierte Manuskripte? Mittelalterliche Burgen? Napoleonische Festungen (samt literarischen Verbindungen)? Gefängnisse aus dem 19. Jahrhundert? Rebellen im fast aussichtslosen, aber heroischen Endkampf gegen das Imperium (und kein Jedi weit und breit)? Michael Collins? Strongbow? Waffenschmuggel ab Hamburg? Kathedralen? Oliver Cromwell, Lord Protector (and his warts)? Jonathan Swift und die gebratenen Kinder? Bertie and the Tribunals? Wenn Sie dies alles interessiert, warum waren Sie dann noch nicht in Dublin? Hier ist Geschichte zum Greifen nahe!

Party - Zwar kann Dublin nicht mit New York mithalten, this city does sleep, ist aber fast jedes Wochenende das Ziel der Partypeople aus halb Europa. Die Mehrzahl davon auf sogenannten Stag oder Hen Nights ... bei denen der Abschied vom unverheirateten Leben mit reichlich Alkohol, Tanz und gelegentlich Sex gefeiert wird. Die Horden der von Pub zu Pub und später Club zu Club ziehenden Grüppchen sorgen schon für Abwechslung. Wer auf Partykicks aus ist, kann mit Dublin's Innenstadt am Wochenende kaum fehlgehen. Und für Schüchterne gibt es ja noch die organisierten Frohsinnstouren, die Pub Crawls jedweder Couleur.

Literatur und Theater - James Joyce, Book of Kells, Brendan Behan, Abbey Theater, Jonathan Swift, Marsh's Library, Sheridan Le Fanu, Bloomsday, Elizabeth Bowen, Thomas Southerne, Oliver Goldsmith, George Bernhard Shaw, Pat Ingoldsby, Charles Maturin,* Sean O'Casey, Æ, Roddy Doyle, Oscar Wilde, Bram Stoker, Mary Delany, Edmund Spenser - wieviele Gründe brauchen Literaturfans, Theaterfreunde und Bibliophile eigentlich noch?

Natur - Gezähmt oder wild, Dublin hat für Naturfreunde ein reichliches Angebot. Dazu gehören nicht nur der venerable Zoo und der gigantische Phoenix Park mit seinen Hirschen, sondern auch das Vogelschutzgebiet Bull Island, die zahlreichen Parks, die Klippenwanderungen, der Botanische Garten und vieles mehr. Also nicht nur Stein und Beton!

Shopping - hmmm, wegen der tollen Einkaufsmöglichkeiten extra nach Dublin? Eher nicht, das stimmt wohl. Dennoch ist etwas "retail therapy" durchaus Teil des Dublin-Experience, wenn auch vielleicht nicht in amerikanischen Dimensionen. Und nirgendwo gibt es eine solche Auswahl an Leprechauns!

Ja, das sind ja schon eine gewaltige Anzahl von guten Gründen, die irische Hauptstadt selbst zu besuchen und nicht nur als Gateway zum Rest des Landes zu nutzen.

Nur sollte man im 21. Jahrhundert nicht unbedingt das Dublin des "Ulysses" erwarten, auch schon nicht mehr das Dublin der "Commitments". Seit der "Celtic Tiger" durch das Land fegt(e), ist die einstmals verträumteste Hauptstadt Westeuropas aufgewacht. Das hat zum Teil seine guten Seiten, hat andererseits aber auch das Bild vom alternativen, preisgünstigen Urlaubsort etwas nivelliert.

Wer vor zwanzig Jahren zuletzt in Dublin war wird die Stadt kaum wiedererkennen. Verschwunden ist der Schmutz, verschwunden sind die meistem viktorianischen Slums der Innenstadt, verschwunden sind die Horden des Lumpenproletariats. Verschwunden sind allerdings auch die Breakfast Bars, in denen man das "full irish" mit Kaffee satt für unter £ 1* bekam ... heute gibt es eine Tasse Kaffee und die Rechnung bleibt oft gerade noch so unter € 10.

Inflation, wachsender Wohlstand und ein relativ stabiler Absatzmarkt haben Dublins Preise anziehen lassen - und ein nicht unwesentlicher Faktor dabei war der Wunsch vieler Iren, auch ein Stück vom Wohlstandskuchen abzubekommen. Man muss also damit rechnen, sein persönliches Dublin-Bild ändern zu lassen, an die Realität anzupassen.

Und bitte nicht allzu laut über die "Kommerzialisierung" und den "Ausverkauf des "echten Irland" jammern, denn viele Iren sehen das ganz anders und sind mit ihrem (zumindest zeitweisen) Platz an der Sonne durchaus zufrieden.

Für den Neueinsteiger in Sachen Dublin sind dies auch gute Nachrichten, denn er kann einen Standard erwarten wie in Paris oder London - vom Verkehrsnetz einmal abgesehen zumindest. Dass sich dieser Standard auch auf die Preise erstreckt, muss nur am Rande erwähnt werden, denke ich. Aber für den Preis bekommt man eben das, was der Durchschnittstourist erwartet. Und wer es alternativer mag oder günstiger haben muss, für den hält man auch noch reichlich Jugendherbergen und Hostels in Irland offen.

Dazu kommen die mittlerweile spottbilligen Möglichkeiten, nach Dublin zu reisen - man kann heute zu Zweit Linie fliegen für das, was in den 1980ern das Interrail-Ticket für eine Person kostete. Auch das sollte man, bei allem vernünftigen Bewusstsein für gestiegene Preise, nicht vergessen!

Und wie steht Dublin im internationalen Vergleich dar? Gewiss hat London mehr zu bieten, aber es fehlt eben doch das typische, irische Flair. Gewiss ist Boston besser touristisch erschlossen, aber allein beim Vergleich der "Famine Monuments" fällt sofort auf, wo die "mock oirish" leben. Gewiss kann Hamburg mit mehr Dauermusikals aufwarten, aber im Gegensatz zur "Hamburger Szene" seligen Angedenkens ist in Dublin viel Musik noch tatsächlich handgemacht. Und letztlich kann man gewiss zwischen Helsinki und Ballermann fast in jedem Marktflecken einen "Original Irish Pub" finden, aber selbst der kommerziellste Dubliner Pub vermittelt mehr Originalität ...

Kurz gesagt: Wer Badeurlaub im Sonnenschein sucht, oder wer Meditation in der Einsamkeit wünscht, für den ist von Dublin abzuraten. Für alle anderen gilt: Nix wie hin!

Die beiden umfassenden Onlineportale www.Dublin-Info.de und www.Dublin.de geben viele weitere Tipps!

Und noch einmal zurück zur Anfangsfrage: Sollte es nicht eher heissen "warum nicht Dublin"?

Herzliche Grüße
Bernd Biege